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Opernführer

 

 

Christoph Willibald GLUCK

 

Christoph Willibald GLUCK, geb. 1714 in der Oberpfalz, lange Jahre in Prag, Italien, London, Wien, Paris und wieder in Wien, dort 1787 gestorben.

 

 

Orpheus und Eurydike

 

Oper in drei Akten. Text von Raniero Calzabigi

Personen:

  • Orpheus (Alt, neuerdings Tenor)
  • Eurydike, seine Frau (Sopran)
  • Amor (Sopran)

Ort und Zeit: Griechenland, Altertum Uraufführung: 5. Oktober 1762 in Wien

 

Mit achtundvierzig Jahren führte Gluck seine erste >Reformoper< auf. Dreißig Jahre habe er seine Kraft »an zahllose Opern italienischer Manier verschwendet«, sagt er von sich selbst. Diese italienische Manier bestand zu jenen Zeiten darin, daß die dramatische Wahrheit des Textes gegenüber der Musik völlig in den Hintergrund getreten war und daß die Musikselbst nur für die Stimmgewalt der Sänger und für die Koloratugeschmeidigkeit der Sängerinnen geschrieben wurde. So schrieb z.B. Mestastasio, der berühmte Textdichter des Jahrhunderts, unmögliche Handlungen, versah sie aber mit lyrischen Einzelheiten von hoher dichterischer Schönheit. Die Komponisten ließen nun die Handlung in einem >trockenen Sprechgesang< (Secco-Rezitativ)herunterhaspeln, nur die lyrischen Einzelheiten wurden sorgfältiger vertont. Freilich, die Komponi­ten wollten auch in diesen Arien usw. nichts ausdrücken, sondern lediglich Gelegenheit zum Schönsingen (belcanto)bieten.

Solchem Arien-Singen setzte Gluck seine Forderungen nach größerer dramatischer Wahrheit in Handlung und Musik entgegen. Erste Frucht dieser Einsicht ist die Oper >Orpheus und Eurydike«. Gluck wollte nicht die Formen der italienischen Oper (Arie, Rezitativ) oder den Belcanto zerstören, sondern das Vorhandene mit einem neuen Geist erfüllen. Der italienische Dichter Calzabigi lieferte ihm die geeignete Handlung; der Text war von Schwulst, Widersinn und Spielereien frei, einheitlicher Atem wehte durch das Geschehen.

1.AKT: Orpheus klagt mit Nymphen und Hirten über den Tod seiner Gattin Eurydike. Amor bringt ihm die Kunde, daß er zur Unterwelt hinabsteigen und seine Gattin zurückholen dürfe, es sei ihm aber verboten, sich nach Eurydike umzusehen.

 2.     AKT: An der Pforte der Unterwelt weisen die Furien den bittenden Orpheus mit einem harten »Nein« zurück. Doch die Schönheit seines flehenden Gesanges öffnet ihm das Tor. Selige Geister geleiten ihn zu Eurydike.

 3.   AKT: Auf dem Wege zur Oberwelt verzweifelt Eurydike an ihrem Gatten, weil er sich nicht nach ihr umsieht. Liebevoll wendet sich Orpheus um, da sinkt Eurydike tot zu Boden. Als Orpheus sich selbst den Tod geben will, erweckt Amor Eurydike zu neuem Leben. Am Tempel Amors klingt das Werk in freudigen Gesän­gen aus.

 

Wie kunstvoll und dramatisch Gluck in seiner Musik vorgeht, zeigt bereits der Aufbau. Der eigentliche Höhepunkt liegt im zweiten Akt; zu diesem Höhepunkt führt in langsamer Steigerung die Musik des ersten Aktes, während die des dritten Aktes die dramatische Erregung allmählich wieder abklingen läßt. Arien, Rezitative und Chöre werden zueinander in Beziehung gesetzt. Die Arien selbst sind kurz, aber schlagkräftig: der Sänger singt nicht nur um des Wohlklangs, son­dern zugleich um des Ausdrucks willen. In den Rezitativen wird nicht mehr »dahergeplappert«; vielmehrspinnen sie die Stimmung der Arien weiter. Und die Chöre und Balletts (Pantomimen)sind völlig in die Handlung einbezogen. Handlung aber ist bei Gluck stets ein seelischer, kein äußerer Vorgang.

Sanft und schmerzensreich erklingen die Chöre des ersten Aktes, immer wieder vertieft durch die sich in unablässiger Steigerung hineinmischenden Klagen Orpheus'. Starr, unheilverkündend ertönt im zweiten Akt der Gesang der Furien. Immer beweglicher und süßer werden die flehenden Weisen des Einsamen,  und je inniger diese Lieder bitten, desto mehr wandeln sich die Gesänge der Furien ins Lyrische. So wird auch der Gesang seliger Geister und die strahlende Schönheit der Musik vorbereitet, die den Eintritt des Orpheus in die Unterwelt malen. Innig, selig und traurig zugleich die Gesänge der zur Welt schreitenden Gatten. Überall nimmt das Orchester Anteil an dem Geschehen; dramatische Wahrheit nicht nur in Handlung und Gesang, sondern auch in der Sprache der Instrumente.

 

 

Iphigenie in Aulis

Oper in drei Akten. Text von du Roullet

Personen:

  • Agamemnon, König von Sparta (Bariton)
  • Klytämnestra, seine Gemahlin (Mezzo­sopran)
  • Iphigenie, beider Tochter (Sopran)
  • Achill (Tenor) Patroklos(Baß)
  • Kalchas, Oberpriester (Baß)
  • Arkas, Befehlshaber der Leibwache (Tenor)

 

 Ort  und Zeit: Griechenland, vor dem trojanischen Krieg Uraufführung: 19. April 1774 in Paris

Gluck war darauf gefaßt, »Paris und Helena« abgelehnt und bekämpft zu sehen. Doch die vollkommene Gleichgültigkeit gegenüber seinen neuen Schaffensgrundsätzen vermochte er nicht zu ertragen. Er ging nach Paris, wo damals der Kampf zwischen den nach Italien blickenden »Buffonisten« und ihren Gegnern, die in der von Lully und Rameau geschaffenen französischen Nationaloper ihr Heil erblickten, in vollem Gange war. Es war ein ähnlicher Kampf, wie ihn Gluck selber führte: den Buffonisten setzten die Antibuffonisten die Forderung nach dramatischer Wahrheit entgegen. Allerdings war die gerühmte französische Nationaloper mit ihrer dramatischen Wahrheit bereits zum Schema erstarrt; Äußerlichkeiten waren wichtiger als innere Wahrheit. So gab Gluck mit seinem neuen Werk »Iphigenie in Aulis« weder dem einen noch dem anderen recht.

Agamemnon will das von den Göttern für eine glückliche Ausfahrt der Griechenflotte geforderte Menschenopfer - seine Tochter Iphigenie - umgehen. Drohend verlangen die Krieger das Opfer. Immer wieder weigert sich Agamemnon, schwankt aber zwiespältig hin und her. Achill, der Verlobte Iphigenies, droht mit Gewalt. Nun aber will Iphigenie selbst das Opfer. Als am Strande von Aulis der Götterbefehl ausgeführt werden soll, stürzt Achill mit seinen Scharen herbei. Aber die Göttin Artemis entrückt die Jungfrau: diese solle nicht sterben, sondern sich als Priesterin den Göttern weihen.

 

Die wachsende Erfüllung der musikalischen Formen mit allgemeinmenschlichem Gehalt durch Gluckhatte allmählich zur Erweiterung der Formen selbst geführt. Schon die Ouvertüre leitet ohne Unterbrechung in das Werk ein. Wieder sind die Rezitative ausdrucksvoll vom Orchester begleitet, wieder setzt sich die lyrisch liedhafte Stimmung des »Orpheus« durch, wieder werden aus den alten Sing-Arien neue Lied und AusdrucksArien . Eine ganz neue Art der Arie ist fast ungewollt entstanden in einigen großen Monologen des Agamemnon und der Klytämnestra. Waren diese seelisch aufwühlenden Gesänge überhaupt noch Arien? Und vor allem: die dramatisch erregten Chöre, die immer selbständiger in die Handlung eingreifen und sie stellenweise zu einem Chordrama machen, wirkten neu und unerhört. Vergessen war der alte Gegensatz zwischen Buffonisten und Antibuffonisten. Begeisterte Verehrer der Kunst Glucks nannten sich Gluckisten, die Fahnenträger der italienischen Oper aber scharten sich um den bedeutenden Piccini und nannten sich Piccinisten. Erbittert und gehässig wurde gestritten, bis nach allerlei Ränken endlich die Kunst Glucks den Sieg davontrug mit der »Iphigenie auf Tauris«.

 

 

Iphigenie auf Tauris

 

Oper in vier Akten. Text von Francois Guillard

Personen:

  • Iphigenie, Oberpriesterin der Diana (Sopran)
  • Orest, ihrBurder(Bariton)
  • Pylades, sein Freund (Tenor) T
  • hoas, König der Skythen (Baß)
  • Diana (Sopran)

Ort und Zeit: Tauris, nach Beendigung des trojanischen Krieges

Uraufführung: 18. Mai 1779 in Paris

 

Glucks Bearbeitung der aulidischen Iphigenie hat den ursprünglichen Schluß: - Heirat AchillIphigenie so abgewandelt, daß die tauridische Iphigenie sich zwanglos anschließt. Nach Tauris, wo Iphigenie als Priesterin wirkt, werden Orest und Pylades verschlagen. Orest hat seine Mutter getötet, weil sie seinen Vater ermordete. König Thoas will die beiden Fremden den Göttern opfern, da er Unheil ahnt. Iphigenie gibt Pylades frei; denn Orest, von den Furien gehetzt, will sterben. Doch bei der Opferung verrät sich Orest. Iphi­genie erkennt den Bruder, und der herbeieilende Pylades rettet die Geschwister vor dem Zorn des Königs.

Der »lyrische Dramatiker« Gluck hat in dieser Musik sein Höchstes gegeben. Eigentlich Neues tritt nicht hinzu, aber alles ist vertieft und mit reifer Meisterschaft gestaltet. Sturm und Stille schildert das in der Oper unmittelbar einmündende Vorspiel. Von zuchtvoller, wenn auch freudigster Glückseligkeit der Schlußchor. Wieder dienen die Arien ganz dem seelischen Ausdruck, wieder sind die Rezitative eingereiht in den inneren Ablauf. Iphigenies Klage um den scheinbaren Tod des Bruders mit den eingestreuten Weisen von glücklicherer Zeit wirkt besonders ergreifend. Der grauenvolle Chor der Furien wird von keiner ähnlichen Schöpfung überboten. Gluck hat besonders die einzelnen Personen musikalisch scharf gezeichnet. Ein Beispiel dafür, wie deutlich die musikalische Ausdrucksweise Glucks geworden ist: Orest singt nach seinen Verzweiflungsausbrüchen: »Die Ruhe kehrt in mein Herz zurück.« Zu diesen Worten behält aber das Orchester das unruhvoll gehetzte Motiv des Vorhergehenden bei eben weil die Ruhe trotz der Worte Orests nicht in sein Herz zurückkehrt. Richard Wagners spätere psychologische Musikdramatik wird an dieser Stelle vorbereitet.

 

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