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Konzertführer
Alban BERG 1885-1935
Lyrische Suite
Alban BERG. (1885-1935, Österreicher), Schüler von Schönberg. Gestorben in Wien. Berühmt seine Bühnenwerke »Wozzeck« und »Lulu« (unvollendet), sein »Violinkonzert auf den Tod eines Engels« und das Streichquartett »Lyrische Suite«.
Wohl war Berg nicht nur Schüler Schönbergs, sondern auch Fortsetzer von dessen Zwölftonmusik, als Vertreter einer Kompositionsrichtung, die in hohem Maße mathematisch-intellektuelles, ja vielfach vergeistigtes Berechnen kompositorischer Möglichkeiten voraussetzt; doch hat Berg die von solchem Berechnen drohenden Gefahren im großen und ganzen überwunden durch seine lebensnahe, ursprüngliche Musikalität.
Gerade in seiner »Lyrischen Suite für Streichquartett« finden sich ganze Sätze, die man auf ihre logische »Richtigkeit« gewissermaßen mathematisch nachprüfen kann. Beim Lesen der Partitur wird das manchen sogar befremden. Wenn man sie aber hört, spürt man, obwohl sie nicht jeden ohne weiteres ansprechen dürfte, daß hier ein wahrer Künstler am Werke ist, der sein Erleben, ja seinen leidenschaftlichen Überschwang durch strengsten Satz in Zucht nehmen will, weil ihm die Kunst zu heilig ist, als daß er sie zur Dienerin allzu subjektiver Gefühle herabwürdigen könnte.
Formal werden in dieser Suite mehrfach Gestalten verwendet und ineinandergeschlungen, ausgebaut oder verkürzt, die aus der musikalischen Klassik stammen. Aber während diese klassischen Formen (insbesondere die Sonatenform) mit ihrem Gegensatz von erstem und zweitem Thema sowie ihrer entsprechenden Verarbeitung wesensmäßig »dramatisch« sind, bleibt bei Bergs Suite - schon der Name zeigt es an -alles undramatisch, verschwebend, trotz äußerster Schärfe des Ausdrucks mehr angedeutet als aus- oder durchgeführt. Um es anders zu sagen: Bestandteile überlieferter Großformen werden zwar sorgfältig zusammengefügt zu verwandelten Gestalten, doch bleiben sie im Grunde nur äußerer Rahmen; das eigentliche Geschehen schlägt sich nach innen nieder, in unerhört verdichtetem, lückenlos verbundenem Eigenleben, häufig genug auch in einem fast unheimlichen Zahnräderwerk, das seinen eigenen, mechanischen Gesetzen gehorcht (und damit alles andere als »lyrisch« im üblichen Sinne ist).
Hier müssen einige Hinweise für das erste Hören des ebenso kunstvollen wie schwierigen Werkes genügen. Es besteht aus sechs Sätzen; auf je einen bewegten Teil folgt jeweils ein langsamer, wobei schon die gewählten Zeitmaße und ihre gegenläufige Anordnung von sorgfältiger Überlegung zeugen: 1. Allegretto gio-viale - 3. Allegro misterioso - 5. Presto delirando / 2. Andante amoroso - 4. Adagio appassionato - 6. Largo desolato. Die bewegten Sätze werden also von Mal zu Mal schneller, die ruhigen dagegen von Mal zu Mal langsamer. Derartige Stufungen finden sich auch der Lautstärke nach. Im Kanon des Adagio setzen die vier Stimmen nacheinander ein, und zwar (vom tiefsten zum höchsten Instrument!) wobei gleichzeitig die Lautstärke des vorangehenden Instruments so weit anschwillt, daß es beim Einsatz des nächsten Instruments fast dessen Klangstufe erreicht hat. Der Form nach ist der erste einem verkürzten Sonatensatz gleichzusetzen, der zweite einem Rondo, der dritte hat Liedform (A/B/A), der vierte bezieht seine Form (er ist dreithematisch) aus den Zwölftongesetzen, der fünfte erscheint formal als Erweiterung des dritten, der sechste ist wieder freier gehalten. Ob nun formal streng oder frei, stets ist der Zwölfton-Satz kontrapunktisch polyphon dicht, bedient sich - in modernster Sprache - solcher Mittel, wie sie Bach in der »Kunst der Fuge« dargestellt hat (vom schlichten Kanon bis zur Spiegelung, zum Krebs und zum gespiegelten Krebs). Fast scheint es, als wollte Berg durch das Verwenden all dieser bekannten Kompositionsmittel betonen, daß die Zwölftonmusik sich zwar ungewohnter moderner Bausteine bediene, sich aber an die überlieferten Bauformen - wenn auch variiert - gebunden fühle, eine Huldigung vor der Tradition, die unterstrichen wird durch Zitate früherer Meister (etwa das »Tristan«-Zitat im Schlußsatz).
Zum Schluß unserer bewußt knapp gehaltenen Andeutungen mögen zwei Notenbeispiele eine Vorstellung davon geben, wie auf kleinstem Raum eine Fülle von Inhalt niedergelegt werden kann. Beispiel 1 zeigt ein besonders eindringliches Zwölftonthema:
das Kopfthema des ersten Satzes, das erst auftritt, wenn in einem vorausgehenden Einleitungstakt der Zwölfton-Charakter akkordisch festgelegt ist. In Beispiel 2 spielen drei Instrumente mit genau den gleichen vier Tönen; diese werden jedoch jedesmal in anderer Reihenfolge gebracht (ausgetauscht, permutiert), und jede Gruppe beginnt ihr Spiel zudem noch an voneinander abweichenden Gewichtspunkten im Takt.
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