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Gustav MAHLER
1860-1911

 

Gustav Mahler (1860-1911, Österreicher) studierte in Wien, wurde Theaterkapellmeister in verschiedenen Städten Deutschlands, Österreichs und Ungarns. 1897-1907 Dirigent und später Direktor der Wiener Hofoper. Anschließend Konzert- und Operndirigent in Amerika. Hauptwerke: Sinfonien, Chöre und Lieder mit Orchester.

 

 


1. Sinfonie D-Dur
2. Sinfonie c-Moll “Auferstehungs-Sinfonie”
3. Sinfonie d-Moll
4 Sinfonie G-Dur
5. Sinfonie cis-Moll
3. Sinfonie Es-Dur
Das Lied von der Erde


 

 

Zur Person Gustav Mahler

Gustav Mahler (1860-1911, Österreicher) studierte in Wien, wurde Theaterkapellmeister in verschiedenen Städten Deutschlands, Österreichs und Ungarns. 1897-1907 Dirigent und später Direktor der Wiener Hofoper. Anschließend Konzert- und Operndirigent in Amerika. Hauptwerke: Sinfonien, Chöre und Lieder mit Orchester.

Mahler ist eine der tragischsten Erscheinungen der Musikgeschichte. Sein Wirken als Operndirektor kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, sein Wollen als Komponist dagegen zielte ins Maßlose. Seiner zwiespältigen Zeit wollte er mit ihren eigenen übersteigerten Mitteln die Wahrheit, wie er sie auffaßte, in die Ohren schreien; aber er predigte tauben Ohren. Man empfand die Sensation, aber nicht das Dahinterstehende. Dann wieder flehte er »im Volkston«; doch das Volkstum antwortete ihm nicht. Seine Sinfonien weiten sich, blähen sich ungeheuerlich auf: sechs Sätze, davon einzelne beinahe »abendfüllend«. Chöre aller Art und Solostimmen werden herangezogen, die Orchesterbesetzung wächst ins Unermeßliche (sogar Hammerschläge werden eingeführt). Dann wieder kleines Orchester (einmal fehlen selbst die Posaunen), keine menschlichen Stimmen, normale Viersätzigkeit. Zwiespältig auch die Thematik: ernst schreitende Trauermärsche neben gellenden Tingeltangel-Hupfern, Volkslieder-Weisen neben Gedankenquälereien,niederdrückende Plattheiten neben vergeblich emporstrebenden Hymnen. Von der sinfonischen Verarbeitung ist Mahler ausgegangen; doch mehr und mehr näherte er sich einem polyphonen Stil, der schließlich die Atonalität vorbereiten half- die dann aber ganz andere Wege einschlug. Mit Erschütterung steht man vor der Tatsache, daß das unglaublich gekonnte Werk eines das Höchste wollenden Mannes mehr und mehr zerbröckelt und versinkt. - Einige Andeutungen über diese oder jene seiner neun Sinfonien sind jedoch sehr wichtig.

 

 

Erste Sinfonie D-Dur (1891)

Stark romantisch; nicht ausgewogen, da der vierte Satz die ersten drei Sätze erdrückt. - I. »Langsam schleppend, wie ein Naturlaut. « Stellt das Erwachen der Natur mit teilweise sehr realistischen Mitteln dar. Musikalisch wichtig das Motiv der fallenden Quarte. II. »Kräftig bewegt.« Eine Art ländliche Tanzszene mit österreichischem Ländler. Sehr gelockert, teilweise vergnüglich-derb. III. »Feierlich und gemessen, ohne zu schleppen.« Ein romantisches Waldbild, keineswegs »feierlich«, eher leicht parodiert, gutmütig. Fallende Quart wieder im gedämpften Paukenbeginn, ein Thema von elf Instrumenten nacheinander vorgetragen. Dann ein ungarisches Thema, dazu gleichzeitig Trompetenterzen und -sexten. Mittelsatz »sehr einfach und schlicht wie eine Volksweise«. Einleitung und Hauptteil kehren wieder. IV. »Stürmisch bewegt.« Ein Titanensatz zwischen »größter Wildheit« und dreifachem Piano, stärker mit äußeren Mitteln (»Schalltrichter in die Höhe gerichtet«, die Hörner müssen »die Trompeten übertönen«) arbeitend als innerlich überzeugend.

 

Zweite Sinfonie, c-Moll (1895),

die sogenannte »Auferstehungs-Sinfonie«. Starkes Orchester mit viel Schlagzeug, dazu Fernorchester (Blech und Schlagzeug) , Sopran- und Altsolo, gemischter Chor. Mahlers bedeutendste Schöpfung. Eine Programm-Sinfonie von Tod und Auferstehung (nicht im christlich-religiösen Sinne). I. »Allegro maestoso. Mit durchaus ernstem und feierlichem Ausdruck.« Eine Art Kampf mit dem Schicksal. Der Beginn (unser Beispiel gibt nur den Anfang) kennzeichnend für Mahler: wildes Anheben und wieder Nachlassen, immer neue Anläufe, Verharren auf sinkenden Quartschritten, bohrende Triolen (vor allem später), immer wieder Festhaken an Kurzmotiven - das ist Kraft, aber ohne Ziel. Solches Hin und Her des Nichtwissens, der Verzweiflung findet sich auch in den Nebengedanken: jedem Aufwärts folgt unerbittlich ein Abwärts. II. »Andante con moto.« Fast zu gewaltsam dieses Ländler-Idyll als Ausgleichs-Gegensatz . Im Trio Sechzehntel-Triolen als Grundlage für ein fugiertes Thema. III. »In ruhig fließender Bewegung.« Ein Scherzo voller Phantastik, anfangs noch irgendwie »greifbar«, weiterhin ins Unwirsche, schließlich ins Unheimliche ausweichend. Gegensatzreich durch fast pastorale und dann wieder heftige Thematik. Eingearbeitet eine regelrechte Fuge. IV. »Sehr feierlich, sehr schlicht.« Vorstufe zum krönenden Schlußsatz. Eine Altstimme singt ein schlichtes Lied (»Urlicht« aus »Des Knaben Wunderhorn«). Zwischendurch eine furchtsamere, erregte Stimmung bis zur Steigerung: »Ich bin von Gott und will wieder zu Gott« (zwei Sologeigen zum Alt-Solo). Verhallender Ausklang in Holzbläsern, gedämpften Streichern und Harfe. V. Schlußsatz. Aufgebot aller instrumentalen und vokalen Klangmittel vom wilden Schrei bis zur geheimnisvollen Verkündung. Trompeten und Posaunen mit einer heftigen Dreiklangs-Fanfare, sich festrammend auf der Quarte. Tonleiter-Wendung der Hörner, beruhigend und fragend zugleich. Stille. Dann aus Weltenferne »Hörner in möglichst großer Anzahl sehr stark geblasen« als Stimme des »Rufers in der Wüste«. Die Nebel lichten sich. Geigentriller, Flötentriolen, Holzbläser-Choral. Auferstehungsmotiv in den Posauen, Triolen-Motiv der Hörner, ganz von fern der Wüstenrufer. Unruhe, Steigerung, dann der Choral aus dem ersten Satz (Posaunen), wieder die Horntriolen, nunmehr breiter, ruhiger, dann ein scharf akzentuiertes absinkendes Trompetenthema, Glockengeläut, Wüstenruf. Ganz plötzlich setzen sich diesen Stimmen aus einer Überwelt diesseitigere, trotzige Klänge entgegen (»Maestoso«), eine Art Marsch ertönt, der das Jenseitig-Mahnende abschütteln will, dann aber in einen machtvollen Glaubensmarsch der Streicher, Klarinetten und Fagotte mündet, emporgerissen wird von hellen Trompeten und Posaunen mit dem Auferstehungsmotiv. Endlich, von pianissimo geblasenen Trompeten des Fernorchesters eingeleitet, eine ungeheure Steigerung, die auch die letzten Zweifel förmlich erdrückt. Und nun »Der große Appell«. Leise Pauken, entfernte Trompeten, Steigerung, wie näherkommend, anwachsende Klangstärke, schmetternde Trompeten, Wüstenruf, Vogelgesang - Verhallen. Dann »langsam, misterioso« der Chor mit der Klopstock-Ode »Auferstehn, ja auferstehn wirst du, mein Staub, nach kurzer Ruh«. Mehrere Choralverse, Zwischenspiele des Orchesters, Alt und Sopran im Wechselgesang, teilweise strenger Satz, stärkste, kaum noch zu ertragende Steigerung sämtlicher Klangmittel. Mächtig in den Hörnern das Erlösungsmotiv (fallende Quinte, diatonischer Anstieg), riesenhaft in Trompeten und Posaunen der dröhnende Ausklang: dreifaches Forte, zweimal fallende Quinte, dann fallende Oktave.

 

 

Dritte Sinfonie, d-Moll (1896),

zuweilen als »Natur-Sinfonie« bezeichnet. Wieder ein sehr umfangreiches Werk, sehr großes Orchester, dazu Hörn, Trommeln und Glocken in der Ferne, Altsolo, Frauenchor, Knabenchor. Inhaltlich ist die Sinfonie heute etwas verblaßt. Mahler hatte die einzelnen Sätze zunächst mit hinweisenden Bezeichnungen versehen. Einleitung: »Pan erwacht.« 1. »Der Sommer zieht ein.« 2. »Was mir die Blumen auf der Wiese erzählen.« 3. »Was mir die Tiere im Wald erzählen.« 4. »Was mir der Mensch erzählt.« 5. »Was mir die Engel erzählen.« 6. »Was mir die Liebe erzählt.«

 

 

Vierte Sinfonie, G-Dur (1901)

Nach den vorangehenden Riesenbauten ein behagliches Häuslein mit

schlichteren Maßen; im Orchester fehlen sogar die Posaunen, die menschliche Stimme ist nur mehr durch einen Solosopran vertreten. An Stelle des massigen Klanges tritt eine zuweilen fast dünne Instrumentierung; dafür ist das Werk aufweite Strecken sehr fein polyphon gearbeitet. »Recht gemächlich« heißt das Hauptzeitmaß des ersten Satzes, das damit schon die Grundstimmung angibt. »In gemächlicher Bewegung, ohne Hast« zieht auch der zweite Satz vorüber. Eine Art Scherzo, wechselnd zwischen bürgerlichem Behagen und verhalten unheimlicher Phantastik. »Wie eine Fiedel« (des Todes?) soll die ausgiebig verwendete, einen Ton höher gestimmte Sologeige klingen; dazu als Gegensatz das Solohorn. Der dritte Satz (»Ruhevoll«) besteht aus kontrapunktischen Variationen über zwei gegensätzliche Themen (das erste in den Celli, das zweite in der Oboe); überraschende Einschübe machen das Bild sehr reizvoll. Wiederum mit »Sehr behaglich« überschrieben der vierte Satz. Im Kern: heiter-naives Volkslied für Sopransolo und Orchester.

 

 

Fünfte Sinfonie, cis-Moll (1904).

Abermals ein Riesenorchester, das alle Möglichkeiten vom Zartesten bis zum Wildesten klanglich verwirklichen soll. Die Singstimme fehlt. Symmetrisch gegliedert (in der Mitte ein ausgedehntes Scherzo mit zwei Trios, dem zwei Sätze vorangehen und zwei folgen), doch unausgewogen in dem Verhältnis der Sätze zueinander. Sichtlich eine »Programm-Sinfonie«. Erster Satz ein Trauermarsch, »in gemessenem Schritt. Streng. Wie ein Kondukt«. Der zweite Satz, »stürmisch bewegt, mit größter

Vehemenz«, ist ein Verzweiflungsausbruch. Im dritten Satz (»Kräftig, nicht zu schnell«), einem kontrapunktisch und rhythmisch ausgebauten Scherzo größten Ausmaßes, wird das Gehetztsein oberster Grundsatz. Es folgt ein »Adagietto. Sehr langsam«, nur für Streicher und Harfe, der schönste Satz des Werkes, doch zu zart und zu kurz in der Umgebung der vier übrigen Sätze. Das »Rondo-Finale. Allegro commodo« ist gewaltsam geweitet und gesteigert.

 

 

Achte Sinfonie, Es-Dur (1910).

Mahler, dem Geist seiner Zeit durchaus abhold, hat sich ganz besonders in diesem Werk des Hauptkennzeichens seiner Zeit, der »Menge«, so nachdrücklich bedient, dass die 8. Sinfonie alsbald den Namen »Sinfonie der Tausend« bekam. Mindestens 22 Holzbläser, 17 Blechbläser, dazu drei Pauken, große Trommel, Tamtam, Becken, Triangel, Glocken, Harmonium, Orgel, mindestens vier Harfen, Mandoline, ein halbes hundert Streicher; außerdem als Fernorchester 4 Trompeten und 3 Posaunen; dazu zwei Solo-Soprane, zwei Solo-Alte, Tenor, Bariton, Baß, zwei gemischte Chöre, Knabenchor. In zwei ausgedehnten Sätzen bindet Mahler den alten Hymnus »Veni, creator spiritus« (»Komm, heiliger Geist«) und die Schlußszene aus Goethes »Faust« zur Einheit: Schöpfergeist Gottes - liebendes Erlösungsstreben des Menschen. Diese Einheit betont Mahler durch ein Thema (die Sinfonie beginnt mit einem achtstimmigen Chor!), das mehr oder minder deutlich beide Teile des Werkes beherrscht (auch hier wieder die für Mahler so charakteristische Quarte). Dem Hörer ist das Werk verhältnismäßig zugängig, weil es ideenmäßig ganz von ausführlichen Dichterworten getragen wird.

 

 

»Das Lied von der Erde« (1908)

ist zwar vielfach auf sinfonische Art gestaltet, doch nicht - wie Mahler die Komposition nannte - eine Sinfonie. Es handelt sich um sechs Solo-Gesänge mit Orchester für Tenor und Alt (statt Alt auch Bariton), vertont nach Übertragungen chinesischer Dichtungen, vor allem von Li-Tai-Po. Ein musikalisch großgesehenes Bild von der Erde als Jammertal, doch auch einem Tal der freudigen Beglückung; am Ende steht freilich der Verzicht. Gewissermaßen eine »Natur-Sinfonie«, in die der Mensch als ein dem Werden und Vergehen unterworfenes Wesen einbezogen wird. Die edle, wenn auch zerrissene Menschlichkeit Mahlers und seine leidenschaftliche Naturliebe äußern sich in der Vertonung der zarten chinesischen Stimmungslyrik schöner und ansprechender als in allen anderen Werken.

 

 

 

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