|
Konzertführer
Richard STRAUSS 1864-1949
Einführung Orchesterwerke 1 Orchesterwerke 2 Orchesterwerke 3 Orchesterwerke 4 Chorwerke
Chorwerke
Es hat den Anschein, als habe man über dem Orchesterzauberer und Opernkünstler den Chorkomponisten Strauss vergessen. Dabei zählen seine Männerchöre, die sechzehnstimmigen Gesänge für gemischten Chor und die Deutsche Motette zu den besten Chorschöpfungen der neueren Zeit. Zwei besonders eindrucksvolle Chorwerke mit Orchester seien hier gestreift, ein Jugendwerk und ein Werk der Reife.
»Wanderers Sturmlied« (geschrieben 1883, uraufgeführt 1886). Eine Dichtung des zweiundzwanzigjährigen Goethe, vertont durch den neunzehnjährigen Strauss. Zuweilen an Brahms erinnernd, noch unbändig und doch gebändigt. - Donner und Sturm in der (auf Maestoso e marcato wichtigen Triolen-Motiven) dahinsausenden Orchestereinleitung. In das Toben singt der Chor trotzig: »Wen du nicht verlassest, Genius, nicht der Regen, der Sturm haucht ihm Schauer übers Herz« (auch hier die Triole). Sechsstimmiger Chor und zwölf Orchesterstimmen verwirklichen klanglich die Dichterworte: » ... wir dem Regengewölk, wird dem Schloßensturm ...« Über den »Schlammpfad der Mittelmäßigkeit erhebt der Genius mit Feuerflügeln den Sturmwanderer, über »Deukalions Flutschlamm« (irdische Niederungen) wird der vom Genius Beschützte dahinwandeln »wie mit Blumenfüßen« - zauberhaft blüht ein neues Motiv auf. Getötet wird »Python« (Sinnbild des Herdenmenschen) durch den »Pythius Apoll«; ein musikalisch-dramatisches Bild von höchster Eindringlichkeit. Ergreifend (dritte Strophe) die Vertonung der Worte » ... wirst die wollenen Flüge unterspreiten. Wenn er auf dem Felsen schläft, wirst mit Hüterfittichen ihn decken in des Haines Mitternacht«.
Im Orchester wogen noch die Stürme der Einleitung, doch ruhig und beseligt singt der Chor vom schützenden Genius. Noch einmal scheint Sturm aufbrausen zu wollen (vierte Strophe). Aber der Genius »wird im Schneegestöber Wärme einhüllen«. Wie im Traum ruft der Sturmwanderer die Musen und Charitinnen (Anmutsgöttinnen) an und wandelt »göttergleich« über den Schlamm (der Sohn von Wasser und Erde). Langsames Hinüberwenden der Gedanken zur reinen Welt des Himmels, des Geistes: feierliches Zwischenspiel von Streichern, Trompeten, Posaunen, Fagott und Pauke. Sehr leise setzt der Chor ein, sechsstimmig, wie choralhafter Lobgesang: »Ihr seid rein wie das Mark der Erde. Ihr umschwebt mich und ich schwebe über Wasser und Erde göttergleich.« Alle Motive kehren wieder zu einem seligen Reigen menschlich-göttlicher Kräfte. »Göttergleich, göttergleich.«
»Die Tageszeiten« (1928) bedeuten Einkehr und Umkehr in das Reich der Romantik, dem Strauss entwachsen ist. Dieser nach vier Eichendorff-Gedichten geschriebene »Liederzyklus für Männerchor und Orchester« ist Malerei und Ausdruck, Darstellung und Empfindung zugleich: dem Chor sind Ausdruck und Empfindung, dem Orchester sind Malerei und Darstellung zugewiesen. Nach dem (unbegleitet gesungenen) Vorspruch »Wann der Hahn kräht auf dem Dache, putzt der Mond die Lampe aus« beginnt der erste Teil, »Der Morgen«. Ungestüm braust der junge Morgen im sinfonisch geführten Orchester, lachend sieghaft überwindet er die Nacht. Der Chor stimmt in den Jubelgesang des Orchesters ein: »Fliegt der erste Morgenstrahl durch das stille Nebeltal, rauscht erwachend Land und Hügel: wer da fliegen kann, nimmt Flügel.«
Und zum Schluß der Leitspruch des Werkes »Nichts ist so trüb ...» Streicher und Holzbläser leiten den nächsten Chor »Mittagsruhe« mit einer langsamen, getragenen Weise ein. Der dichterische Kernsatz »Sinnend ruht des Tags Gewühle in der dunkelblauen Schwüle« wird auch musikalisch zum Mittelpunkt. Im dritten Teil, dem »Abend«, geht der Tondichter über den Wortdichter noch hinaus: »Schweigt der Menschen laute Lust, rauscht die Erde wie in Träumen wunderbar mit allen Bäumen, was dem Herzen kaum bewußt.« Läßt Eichendorff die Stimmungen nur leise aufklingen, so möchte Strauss die Dämmerung zerreißen. Das leise Rollen der Pauke durchdringt, ja durchbohrt der Chor mit harmonisch rücksichtslosen Wendungen und Windungen, und das Orchester malt überdeutlich, wie da »schweifen leise Schauer wetterleuchtend durch die Brust«. Aus leise erzitterndem Paukenwirbel steigen dunkle Hornklänge auf: »Die Nacht« breitet ihre dunklen Fittiche über die Welt. Wie schön, hier zu verträumen die Nacht im stillen Wald, wenn in den dunklen Bäumen das alte Märchen hallt.« Die empfundenen (nicht nur gesehenen) Bilder Eichendorffs werden von Strauss zart und zärtlich nachgezeichnet. Chorklang und Orchestertönung verschmelzen zu einem innerlich erlebten Nachtstück.
|