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Konzertführer
Richard STRAUSS 1864-1949
Einführung Orchesterwerke 1 Orchesterwerke 2 Orchesterwerke 3 Orchesterwerke 4 Chorwerke
Orchesterwerke 2
»Till Eulenspiegels lustige Streiche« (1895). Mit diesem genialen Werk ist Strauss unter die Philister gefahren wie Till unter die Marktweiber und Professoren. Kaum eine andere Tondichtung ist von so kunstvollem Humor und Spott erfüllt wie diese. Sie bedient sich aller Schulformen und verulkt sie gleichzeitig. Vier Hauptabschnitte, dazu eine Einleitung und ein kurzer Schlußteil. Zwei Themen Eulenspiegels, genauer: ein Thema und ein fratzenschneidendes Motiv bilden den Kern. Dazu ein Riesenorchester: der armselige Schelm gegen die Welt.
Aber er flitzt hindurch, mit Verrenkungen, Kopfsprüngen und Hopsern, wirbelt alles durcheinander, hurtig und behende, dann breit und behäbig. Sonst heißt das wohl: Variation, Umkehrung, rhythmische Verschiebung, Verkürzung, Vergrößerung, Reprise und so fort. Nachträglich hat Strauss verraten, was ihm bei den einzelnen Bildern vorschwebte. Ein paar Einleitungstakte der Streicher, Fagotte und Klarinetten, im Volkston »es war einmal« -und schon springt er hervor, der Schalk. Später das Eulenspiegelmotiv. Nun die Einzelbilder: Till unter den keifenden Marktweibern, denen er die Körbe umwirft, dann als wandernder Prediger, der auch unter der Mönchskutte sein Schelmengewand anbehält und schließlich doch ängstlich wird über seine gottlosen Reden; auch die Liebe tut's ihm an, aber jetzt muß er mit einem Korbe davonziehen. Sein Wutgefühl läßt er aus an trockenen Männern der Wissenschaft: ein scheintiefes Wort schnellt er ihnen entgegen, darob sie in ein ebenso tief-wie stumpfsinniges Streiten geraten - und Till entwischt mit einem unverschämt gepfiffenen Gassenhauer. Doch nun ereilt ihn die Welt, die er so oft verspottet: vor dem Gericht wird er peinlich befragt, viermal wiederholt das Orchester »drohend« die Frage. Zweimal antwortet Till keck mit seinem Schalksmotiv. Beim dritten Male kommt die Antwort schon zögernd und verängstigt , und schließlich winselt er nur noch »kläglich« (Trompeten und Hörner mit Dämpfern). Richterspruch in Fagotten, Hörnern und Posaunen, ganz wörtlich: »Der Tod«.Und sogleich wird er am Galgen hochgezogen (D-Klarinette), ein Schnaufer (Flöte), ein paar Triller, leise Rucke in den gezupften Streichern - aus. Das Nachspiel setzt nochmals im Volkston ein, lacht dann mit Tills Motiv laut auf: Und wenn ihr dem Schalksleib den Atem verschnürt habt - der Humor wird euch immer noch was pusten!
»Also sprach Zarathustra.« Tondichtung frei nach Nietzsche (1896). Strauss vertont nicht Nietzsches Philosophie, sondern selbsterlebte Stimmungen und Gedanken, die durch Nietzsches »Zarathustra« dann Umriß und Gestalt gewonnen haben. Strauss musiziert hier zwar nicht den Übermenschen Nietzscher Prägung, wohl aber den freien, seinem eigenen Gesetz Untertanen Menschen, wie er in die naturgegebenen Bedingungen hineingestellt ist und wie er sich mit ihnen auseinandersetzt. Damit sind die drei wichtigsten Themen der Tondichtung bereits angeschlagen: das mit C-g-c (einer musikalischen Ur-Frage) beginnende Thema der Natur, nach anfänglichem Grübeln sich in klarem C-Dur ausbreitend, das zwischen H-Dur und h-Moll aufsteigende Thema »von der großen Sehnsucht«, schließlich noch das Posaunenmotiv des »Überdrusses«. Diese wenigen Angaben müssen genügen, um dem Hörer den Weg durch die überaus schwierige Partitur zu erleichtern. Ein übriges tun die Überschriften über die einzelnen Abschnitte: »Von den Hinterweltlern / Von der großen Sehnsucht / Von den Freuden und Leidenschaften / Grablied / Von der Wissenschaft / Der Genesende / Tanzlied / Nachtwandlerlied.« Sehr schön, wie nach den Wanderungen durch das Leben zum Schluß Mensch und Natur zugleich auftönen, dicht benachbart und doch getrennt. Schimmernd glänzt droben ein H-Dur-Akkord auf (Mensch), doch unten bebt in den Bässen das surrende C, Grundton der Natur.
»Don Quixote«. Phantastische Variationen über ein Thema ritterlichen Charakters (1897). Ein im ganzen kunstvolles, in den Einzelheiten überkünsteltes Werk, dessen verzweigten Bau immer nur der verstehen wird, der es auf Grund der Partitur nacharbeitet. Im Grunde also abseitig. Ich gebe daher nur den bildhaften Umriß und die beiden variierten Themen. Es sind nämlich Variationen über zwei Themen: über das des geistig überfütterten, durch allzu viele Ritterromane völlig verwirrten, dürren Don Quixote und das seines körperlich überernährten, schwätzenden, murrenden, tölpelhaften, dicken Bauerndieners Sancho Pansa. Glücklicherweise hat Strauss diese Themen-Gestalten in seiner Tondichtung stets auch äußerlich erkennbar gemacht: Don Quixotes Thema ist dem Cello, das von Sancho Pansa der Bratsche anvertraut. Die Tondichtung setzt ein mit einem bilderreichen Vorspiel: der »Ritter von der traurigen Gestalt« erhitzt sich so lange an Ritterromanen, bis er den Entschluß faßt, selbst ein solcher Ritter zu werden. Nun erst folgt die eigentliche Themenaufstellung. In den zehn Variationen bringt Strauss die amüsanten und ergötzlichen Abenteuer der beiden Landfahrer, im Nachspiel (einem der wundersamsten Tonstücke des Meisters) finden wir den Ritter wieder daheim und bei Verstand, jetzt erst sein im Grunde edles Wesen, seine Wehmut und seinen Entsagungsschmerz offenbarend. Die Variationen schildern: 1. (Gemächlich.) Ausritt und Kampf mit den Windmühlen, deren Flügel den armen Don gewaltig verdreschen. 2. (Kriegerisch.) Blutige Schlacht und Sieg über eine blökende Hammelherde. 3. (Mäßiges Zeitmaß.) »Gespräche, Fragen, Forderungen und Sprichwörter Sanchos, Belehrungen und Verheißungen Don Quixotes.« 4. (Etwas breiter.) Don Quixote überfällt einen frommen Zug, in dessen Mitte ein Marienbild getragen wird. Er will die »geraubte Dame« befreien, fällt aber unter den wütenden Streichen der Menge. Jedoch steht er bald wieder auf, und Sancho Pansa kann nun in Frieden einschlafen (Tuba und Kontrafagott »gähnen«). 5. (Sehr langsam.) Der Ritter denkt an die geliebte Dulcinea, spricht »sentimental« mit seinem Wunschbild. 6. (Schnell.) Sancho will seinen Herrn beschwätzen, eine vorüberkommende Bäuerin sei die verehrte »Dulcinea«. Dieser aber trägt ein anderes Bild in seinem Herzen, glaubt jedoch am Ende, ein Zauberer habe das Antlitz der Geliebten entstellt. 7. (Ein wenig ruhiger.) Ritter und Bauer werden mit verbundenen Augen auf ein hölzernes Pferd gesetzt und mit Blasebalgen angepustet. So wähnen sie, durch die Luft zu reiten. 8. (Gemächlich.) Sturm auf eine Mühle vom Kahn aus, das Schifflein scheitert, die Durchnäßten kriechen tropfend ans Land, Dankgebet für die Rettung.
9. (Schnell und stürmisch.) Zwei Mönche werden von dem Ritter in die Flucht geschlagen.
10. (Viel breiter.) Ein wohlwollender Freund besiegt den traurigen Ritter und legt ihm die Verpflichtung auf, wieder heimzukehren. Als Abschluß folgt das schon erwähnte Nachwort mit seiner verinnerlichten Stimmung.
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