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Noten

 

Guiseppe VERDI
1813-1901

 

 


Guiseppe Verdi (1813-1901, Italiener), Sohn eines Schankwirtes, wurde von dem Mailänder Konservatoriumsdirektor als Schüler abgelehnt, errang mit 26 jähren seinen ersten großen Opernerfolg und konnte bald ganz von seinem Schaffen leben - zumeist auf seinem Mustergut Santa Agata. Vorübergehend Mitglied des italienischen Einheitsparlaments; lebte auch mehrere Jahre in Paris. Schrieb vor allem Opern.

 

Streichquartett e-Moll
Requiem

 

 

 

Streichquartett e-Moll (1872).

Ein wohlklingendes Werk, entstanden kurz nach der Oper »Aida«. Wenn man das erste Thema hört, von der Geige auf der tiefsten Saite vorgetragen, wird man unwillkürlich an diese Oper erinnert. Aber das Quartett-Thema ist dennoch nicht eigentliche Operngebärde. Es ist vielmehr Zeichnung des Menschen, des Menschlichen schlechthin, des menschlichen Gefühls, der Leidenschaft. Denn: diese Linie ist nicht »gesanglich«, sondern instrumental. Wie jenes Aida-Thema der Ouvertüre : dieses wird im Verlauf der Oper zwar auch gesungen, behält aber stets den instrumentalen Beiklang. Im Quartett wölbt sich das Thema sehr bald polyphoner Gestaltung entgegen, tritt aber doch zunächst zurück vor einem neuen Gedanken in G-Dur, der sehr weich und in fast körperlicher Gegensätzlichkeit einsetzt. So stehen zwei Charaktere wie zwei Persönlichkeiten neben- und gegeneinander. In der Durchführung bleibt die Greifbarkeit, die knappe Bildhaftigkeit erhalten, jedoch merklich in das Linienspiel, also in instrumentale Bedingtheit, hineingezogen. Wirkungen werden angestrebt, doch mit einfachsten Mitteln. Ähnliche Ebenen finden sich im Andantino: die leichte a-Moll-Wehmut, die bejahende Lebenskraft des Ges-Dur, die heftige und doch gezügelte Bewegungskraft des Mittelteils. Im Scherzo gruppiert Verdi die Kräfte um: prestissimo, ganz auf Bewegung gestellt der Hauptteil, singend das Trio. Der Schlußsatz mit seiner Fuge ist nicht polyphon im Sinne der deutschen Fugenmeister. Verdi hört eben anders als wir; er will auch in der Fuge den warmen, sinnenhaften Klang.

 

Requiem, (1874 zum Gedächtnis an Verdis Freund, den italienischen Dichter Manzoni, uraufgeführt).

Der farbige Orchestersatz, die Leichtigkeit der erlesenen Stimmführung, die einfache Gliederung, der Ausdruck, die freie geistige Haltung - das alles ist Spiegel italienischen Wesens. (Besetzung: Orchester, Chor und Solo-Quartett). - Das »Requiem aeternam dona eis« (Die ewige Ruhe gib ihnen) wird mit dem »Kyrie« zusammengezogen. Zunächst nur Chorstimmen von bemerkenswert diesseitiger Färbung: Tod als Erscheinung im irdischen Kreislauf. Im Kyrie wird die Stimmführung durch Hinzutreten der Soli dichter. Verdi hat davon abgesehen, im »Dies irae« den Schreckenstag des Weltgerichts orchestral auszumalen. Als Italiener vertraut er seine Gedanken über den Jüngsten Tag vorwiegend den Gesangsstimmen an und läßt das Orchester nur ergänzend mitwirken. Eigentümlich die Stelle, wo im Alt-Solo das »Liber scriptus« (Das geschriebene Buch wird aufgeschlagen) erklingt: dieser ariose Gesang wirkt eher berichtend als erschütternd; um so unheilvoller die murrend-mahnenden Zwischenrufe des Chores, der dann schließlich den ganzen »Bericht« mit der ganzen Wucht des »Dies irae« zu erdrücken scheint. Bei den folgenden Einzel- und Mehrgesängen der Solisten sind die Schrecken des Weltengerichts völlig vergessen. In diesen wundervollen Weisen lebt die Seelenstimmung des tragischen Menschen, den Verdi in seinen Opern immer wieder besungen hat. Nachdem das »Dies irae« noch einmal alle seine Schrecken verbreitet hat, klingt der ganze Abschnitt im »Lacrimosa«

 (»Tränenreich wird der Tag sein«) friedvoll aus. Sein Thema (Beispiel), das durch alle Chor- und Solostimmen wandert und gleichsam jedem einzelnen Trost zuspricht, gehört zu jenen Eingebungen Verdis, deren scheinbare Gefälligkeit so leicht als »Oberflächlichkeit« abgetan wird. Dem »Lacrimosa« verwandt ist das in Melodienreichtum getauchte, in Melodien schwelgende »Offertorium« (Bittgesang an Christus). Es wird von den vier Solisten vorgetragen und ist ganz kirchlich empfunden: wie Weihrauchwolken schweben die Klänge dahin, leiten wahrhaft »in das heilige Licht«, von dem im italienischen Text die Rede ist. Eigentümlich die doppelte Fuge des »Sanctus« für achtstimmigen Chor. Hier gibt es keine eigentliche Entwicklung, sondern aller Jubel verdichtet sich im Thema selbst. Auch das»Agnusdei« lässt das »Lamm Gottes« in einem einzigen Thema Klang werden und wandelt nur die Schattierung ab, nicht das Thema selbst. Dagegen wird das »Lux aeterna« (»Das ewige Licht leuchte ihnen«) auf zwei scharf geschiedenen Themen gesungen (drei Solostimmen); der Text legt eine Deutung ohne weiteres nahe. Im Schlußsatz finden sich mancherlei Erinnerungsbilder an die vorangehenden Abschnitte. Die Gedanken an das Weltengericht werden nach katholisch kirchlicher Weise beruhigt; Gebet des Priesters (Solostimme) und Gebet der Gemeinde (Chor) schenken Zuversicht auf ewigen Frieden. Die Besonderheit des Satzes aber liegt im Fugenthema: gewiß kann man in Einzelheiten die Verwandtschaft mit katholischen Kirchen-Tonfolgen erkennen, als Ganzes aber muß man den Themenschnitt dem nordischen Musikkreis zuordnen.

 

 

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