|
Opernführer
Carl ORFF (1895-1982) studierte an der Münchener Akademie der Tonkunst und später bei Heim von Kaminski. Vorübergehend Kapellmeister. Mitbegründer der »Günther-Schule«. Zuletzt Musikdramaturg der Bayerischen Staatstheater.
Mit seinem »Schulwerk«, einem großartigen Beitrag zur musikalischen Jugenderziehung hat sich Orff unvergängliche Verdienste erworben. Die szenische Kantate Carmina Burana (Gesänge aus Beuron) haben Orff auch als schaffenden Künstler mit einem Schlage berühmt gemacht. Orffs Versuche, die Oper auf neue Weise zu beleben, sind von sehr vielen Seiten begeistert begrüßt worden. Die ungewöhnlich schöpferische Begabung Orffs äußerte sich häufig ein wenig einseitig durch Verstandesmittel, während das Strömen seelischer Kräfte zuweilen bewußt aufgestaut wurde. Daß es dann zu ungewöhnlich hochstehenden Werken kam, die alles andere sind als Opern, wird noch zu besprechen sein.
Zunächst die wirklichen, daher mit einer gewissen Regelmäßigkeit aufgeführten Opern und verwandten Werke.
Kleines Welttheater
Text vom Komponisten
Personen:
Der Erzähler (hoher Tenor)
Vier Burschen, die den Mond stehlen (Tenor, zwei Baritone, Baß)
- Ein Bauer (Bariton)
- Ein Schultheiß Ein Wirt (Sprechrolle)
- Ein anderer Schultheiß (stumme Rolle)
- Leute, die in der Schenke zechen und sich den Mond stehlen lassen (gemischter Chor und Kinderchor)
- Leute, die sich über den gestohlenen Mond freuen und die Toten begraben (gemischter Chor)
- Leichen, die der Mond aufweckt (Soli und gemischter Chor)
- Ein alter Mann, der Petrus heißt und den HimÂmel in Ordn unghält (Baß)
- Ein kleines Kind, das den Mond am Himmel entdeckt (Sprechrolle)
Uraufführung. 5.2.1939, München, Nationaltheater
Das Personenverzeichnis mit seinen Zusatzangaben verrät schon die spielerische Natur dieses »kleinen Volkstheaters«, Einzelsänger, Chöre, Orchester, Zither, Zieharmonika, Schlagzeug, abgestimmte Bläser - allesdas und mehr wird aufgeboten, um Märchenhaftes recht realistisch erklingen zu lassen; mit eigentlicher Musik geht Orff sehr, sehr sparsam um, um so wichtiger ist der reine Rhythmus, die Melodieandeutung und die Kleinszene.
Vier Burschen finden auf ihrer Wanderung durch fremdes Land eine leuchtende Kugel auf einem Eichenbaum. Sie stehlen die Kugel und bringen sie im Triumph in ihre Heimat. Dort leuchtet sie bis zu ihrem Tode. Jeder von ihnen bekommt ein Viertel der Kugel mit in den Sarg, und es wird wieder dunkel in ihrer Heimat. In der Unterwelt setzen die Burschen die vier Viertel wieder zusammen. Alle Toten erwachen bei dem herrlichen Licht zu neuem, d.h. zu ihrem alten Leben. Man spielt und singt, liebt und säuft, zankt und schlägt sich, bis es dem »alten Mann, der Petrus heißt und den Himmel in Ordnung hält«, zu bunt wird. Nachdem er eine Weile selbst an dem Treiben teilgenommen hat ergreift er die Kugel und befestigt sie am Himmel. Von dort oben leuchtet sie nunmehr der ganzen Erde. Ein kleines Kind sieht sie zuerst: »Ah, da hängt ja der Mond!«
Die Kluge
Die Geschichte von dem König und der klugen Frau Text vom Komponisten.
Personen:
- Der König (Bariton)
- DerBauer(Baß)
- Des Bauern Tochter (Sopran)
- Albrecht, Herzogin Bayern und Graf zu Vohburg (Sprechrolle)
- Drei junge Adelige, Freunde Albrechts (Sprechrollen)
- Kaspar Bernauer, Bader zu Augsburg (Sprechrolle)
- Agnes Bernauerin, Badmagd und Riberin (Sprechrolle)
- Ein welscher Spielmann (Tenor)
- Badegäste bei Bernauer, Bürgervon München
Personen des zweiten Teils:
- Der Ansager (Sprechrolle)
- Herzog Albrecht (Sprechrolle)
- Agnes Bernauer (Sprechrolle)
- Duchessa (Sprechrolle)
- Der Kanzler von Herzog Ernst (Sprechrolle)
OrtundZeit: Bayern, 30erJahredes 15. Jahrhunderts Uraufführung: 8. Juni 1947 in Stuttgart
Von einer Ausnahme abgesehen, gibt es in diesem Stück nur Sprechrollen. Gesprochen wird altbayerisch (die rein philologische Arbeit Orffs ist erstaunlich, während man nicht einsieht, weshalb man in der unverblümten Derbheit so weit gehen sollte, wie es hier geschieht). Im Grunde also eine Übertragung des alten oft bearbeiteten Stoffes in altbayerischer Sprache, dazu vorwiegend rhythmisierende, motivisch nur andeutende Bühnenmusik. Wir Durchschnittsmenschen tun gut, nach dem Anhören des Stückes wieder einmal Hebbels Agnes Bernauer in die Hand zu nehmen. Einer Einführung in Orffs Werk bedarf wohl nur.
wer der bayerischen Mundart nicht mächtig ist. Der Inhalt ist in seinen Grundzügen bekannt. Agnes BerÂnauer, Baderstochter zu Augsburg, wird das Weib des jungen Herzogs Albrecht von Bayern, aber auf BetreiÂben des politisch denkenden alten Herzogs als Hexeverurteilt und ertränkt.
Trionfi
Die Trionfi sind drei Werke, die man dem Begriff »Musiktheater« unterordnen mag. Aber es sind keine Opern, keine Musikdramen, keine Oratorien, keine musikalisch unterbauten Sprechstücke - und doch haben sie von allem etwas. Äußerlich erscheinen die drei Werke als scheinbar unvereinbares NebeneinanÂder von philologischem Bildungsgut und einfachen Ausdrucksmitteln. Latein, Altfranzösisch, Griechisch, Mittelhochdeutsch - zu »verstehen« nur von Vielsprachlern, einfachste Tonwiederholungen ohne harÂmonische Entwicklung befremdend für das operngeÂwohnte Ohr. Aber bald spürt man, richtet man das Ohr aufs Ganze, keimfähige Kraftkerne, die sich zu überÂwältigenden Gebilden auswachsen. Nicht auf irgendÂeine »Musik« sind die Werke abgestellt, sondern darÂauf, Sprache und Bewegung mit Hilfe des musikalisch dargestellten Rhythmus zur Einheit zu binden, ja, zu zwingen.
Nach anfänglichem Verwundern haben die Trionfi bald überall erstaunliche Erfolge gehabt, auch im AusÂland; dann aber hat die Wirkung nachgelassen, weil das Publikum auf die Dauer doch wohl im Theater mehr die Oper und keine Kantaten sucht.
Carmina Burana
Szenische Kantate
Solisten:
Sopran, Bariton, Tenor großer und kleiner Chor
Uraufführung: szenisch, am 8. Juni 1937 in Frankfurt a.M.
Dieses Werk wurde der stärkste Erfolg auf der deutschen Opernbühne der letzten Jahrzehnte. Dabei handelt es sich nicht einmal um ein eigentliches Opern werk, sondern um eine Kantate, die freilich durch eine szenische Aufführung zu großer Eindringlichkeil gestaltet werden kann. Dem Werk liegen Lieder aus einer Benediktbeuerner (Burana = Beuerner) Handschrift aus dem 13. Jahrhundert zugrunde Lieder fahrender Gesellen, teils in lateinischer Sprache, teils in Mittelhochdeutsch. Orff selbst bezeichnet die »Carmina Burana« als weltliche Gesänge für Soli und Chor mit Begleitung von Instrumenten und Bildern. Neben drei Solisten wirken ein großer und ein kleiner Singchor mit sowie ein Tanzchor. Gleich der Eingangschor, in dem die launische Fortuna besungen wird, fasziniert. Die Verzauberung des Hörers wächst und hält ihn im ersten Teil, der eine Lobpreisung des Frühlings, der Natur und der Lebensfreude bringt, ständig in Bann. Im zweiten Teil unter der Überschrift »In der Schenke« wird neben grotesken Sologesängen vom »gebratenen Schwan« und dem »Abt von Cucanien ein begeisternder Chorrhythmus auf die irdischen müde gewordene Greise lassen, um sie zu warnen, liebesvergnügten Jünglingen und Mädchen ein Spiel des Dichters Catull vorführen. Was dieser nun träumt an Freuden mit der geliebten Lesbia, das wird in Wirklichkeit seinem Freunde Caelus beschert. Auf Anraten seiner Freunde vergilt er Gleiches mit Gleichem. Jetzt will ihn Lesbia erhören, doch seine Liebe ist tot. Die Greise reiben sich befriedigt die Hände über das Warnspiel, doch die Jungen tanzen und tändeln weiter.
Trionfo diAfrodite
Szenisches Konzert nach Versen von Catull, Sappho und Euripides
Personen:
- Die Braut (Sopran)
- Der Bräutigam (Tenor)
- Drei Chorführer (Sopran, Tenor, Baß)
- Chor der Jungfrauen, Jünglinge, Greise, Eltern,
- Verwandte, Freunde, Volk
Uraufführung: szenisch am 13. Februar 1953 in Mailand
Da nach Natur und Lebensfreude sowie Erotik in diesem dritten Stück Afrodite als Personifizierung der All-Liebe gehuldigt wird, tritt zu den früheren Besetzungen ein größeres Orchester. 1. Chöre in Erwartung des Brautpaares. 2. Der Hochzeitszug naht. 3. Zwiegesang des Paares (Tenor und Sopran). 4. Anrufung des Gottes der Ehe. 5. Spiele und Gesänge vor dem
Brautgemach. 6. Gesang des Hochzeitspaares im Gemach. 7. Afrodite, Göttin der Liebe und der SchönÂheit, erscheint in strahlendem Triumph.
Triptychon
Jener Florentiner Kreis von Adeligen, Gelehrten und Künstlern, der um 1600 versuchte, den altgriechischen Dramenstil wiederzuerwecken, begründete unbeabÂsichtigt die Gattung Oper. Wollte Orff dreieinhalb JahrÂhunderte später den Versuch wiederholen, wenn auch mit anderen Mitteln und tieferer Einsicht? Schon textÂlich ging er einen neuen Weg, indem er die altgriechiÂschen Dramen selbst verwendete, sei es in ÜbersetÂzungen, sei es in der Ursprache, sich also nicht von Zeitgenossen Textbücher schreiben ließ. Doch will es scheinen, als liege ihm verhältnismäßig wenig am Text als einer verständlichen Wortfolge; denn in den unten skizzierten Werken läßt die WortverständlichÂkeit - mindestens für das normale Theaterpublikum -schrittweise nach, bis sie im Schlußwerk völlig aufÂhört.
Opern sind es nicht, auch keine Musikdramen und kein episches Musiktheater noch Oratorien oder KanÂtaten. Betrachtet man das Triptychon in der ReihenÂfolge der Entstehung, so dämmert die Ahnung, Orff sah Handlung, Wort und Musik lediglich als Mittel an, die aufwühlende Erschütterung, die das griechische Drama von Schuld und Schicksal bei den damaligen Zuhörern hervorrief, bei uns kühlen Zweiflern noch einmal nachzuvollziehen.Ist diese Vermutung richtig, so begreift der Zuhörer und Zuschauer, daß in diesen Werken nicht edel geschwungene oder dramatisch vorwärtstreibende Melodien gesungen, vielsagende und vielfach deutbare Harmonien gebracht oder farbige Klänge gestaltet werden können. Das hier vielmehr unerbittlich deklamiertes Tonhöhensprechen ohne harmonische Stützen verwendet wird, ein übermenschlicher rhythmischer Kosmos, erschreckend-gewalttätiges Geräusch und Getöse.
Der Geräuscherzeuger (das Orchester) besteht meist aus Kontrabässen (also keine hohen Streicher), Holz und Blechbläsern, Klavieren, Harfen, Xylophonen, einer mächtigen Schlagzeugbatterie, wozu im »Prometheus« noch allerlei südamerikanische, afrikanische und asiatische Instrumente treten.
Es mag bezweifelt werden, ob man das Nichtverstehen des Textes so zum Prinzip erheben darf, wie es auf weite Strecken hin geschieht; man mag einwenden, manches sei im wahrsten Sinne Theaterdonner, sei Gekreisch und sirenenartiges Geheul. Dennoch: wer von dem Ganzen dieser einfachen Raffiniertheit, die sehr kunstvollen Künstlichkeit nicht erschüttert wird, der wird um ein seelisches (wenn auch nicht unbedingt musikalisches) Erlebnis gebracht.
Antigonae
Ein Trauerspiel des Sophokles von F. Hölderlin
Personen:
- Antigonae (Mezzosopran)
- Ismene, Ihre Schwester (Sopran)
- Kreon, König von Theben (Bariton)
- Hämon, sein Sohn (Tenor) Tiresias, der Seher (Tenor)
- Ein Wächter (Tenor) Ein Bote (Baß)
- Euridice (Sopran)
Ort und Zeit: Theben, zur Zeit des Trojanischen Krieges Uraufführung: 9. August 1949 in Salzburg
Spielt im sagenhaften altgriechischen Theben. Die Thebener haben gesiegt, die Belagerer müssen abzieÂhen. Im Kampf sind Antigonaes Brüder Eteokles und Polyneikes gefallen. Eteokles wird mit Ehren bestattet, weil er seine Stadt verteidigt hat, Polyneikes aber soll auf Kreons Befehl nicht bestattet werden, weil er gegen seine Vaterstadt kämpfte. Antigonae widersetzt sich; trotz der Warnung ihrer Schwester Ismene bedeckt sie des Toten Leib mit Staub. Sie wird vor Kreon gebracht und zusammen mit Ismene zum Tode verurteilt. Umsonst bittet Kreons Sohn Hämon um Aufhebung des Urteils, vergeblich seine Drohungen. Antigonae wird hinweggeführt (Ismene dagegen freigelassen). Da warnt der greise Seher Tiresias den selbstsicheren König: aus seinem Geschlecht werde ein neues Opfer fallen, wenn er Antigonae nicht freigebe und PolyneiÂkes nicht bestatten lasse. Jetzt wird Kreon unsicher, eilt selbst davon, um Antigonae den Freispruch zu verkünÂden. Bald naht ein Bote und berichtet der Königin EuriÂdice, Antigonae habe sich selbst getötet und Hämon sei ihr in den Tod gefolgt. Gebrochen zieht sich die Königin zurück. Als Kreon verzweifelt über den Freitod seines Sohnes und Antigonaes heimkehrt, muß er erfahren, daß auch seine Gemahlin sich getötet und ihn verflucht habe.
Oedipus der Tyrann
Ein Trauerspiel des Sophokles von F. Hölderlin
Personen:
- Oedipus (Tenor)
- Kreon (Bariton)
- Tiresias (Tenor)
- Jokaste (Tenor)
- Boten, Chorführer und Chor der thebanischen Alten
Ort und Zeit: Theben, griechische Sagenzeit Uraufführung: 11. Dezember 1959 in Stuttgart
Das bekannte altgriechische Drama; inhaltlich entspricht Orffs Werk dem »Oedipus Rex« von Strawinsky, so daß hier darauf verwiesen werden kann. Rein musikalisch herrscht in diesem Werk eine Askese, die zur Schwer- und Unverständlichkeit führt, zumal die Stimmen in extremen Lagen gehalten und dadurch entsinnlicht sind. Dem Sing-Sprech-Schrei-Stil, der bewußt auf Vergeistigung verzichtet, steht wiederum ein donnernder, klopfender, rhythmusgeladener Geräuschklang des massigen Orchesters gegenüber, so daß es insgesamt an seelischen und (nervlichen) Aufpeitschungen und Erschütterungen nicht fehlt.
Der gefesselte Prometheus
Tragödie desAischylos
Personen:
- Kratos (Sprechrolle)
- Bia (stumme Rolle)
- Hephaistos (Sprechrolle)
- Prometheus (Bariton)
- Okeanos (Sprechrolle)
- Io Inachis (Sopran)
- Hermes (Sprechrolle)
- Die Okeaniden (Sopran, Alt)
Ort und Zeit: Hochgebirge nahe der Küste des Okeanos, mythische Vorzeit
Uraufführung: 24. März 1968 in Stuttgart
Die genaue Vertonung des Dramas in altgriechiÂscher Sprache, die Grenze der Wortverständlichkeit ist damit - außer für Sprachenkenner - endgültig überÂschritten, nur Bild und Bewegung geben einen (allerÂdings nicht zureichenden) Anhalt. Um so stärker die Erschütterung, die von dem 126 Mann starken OrcheÂster (vorwiegend Schlagzeug, südamerikanische, afriÂkanische, asiatische Instrumente) auch für den ausÂgeht, dem der Theaterdonner zu Beginn, das Jaulen der Io und manches andere zuviel wird. Man mag es dreÂhen, wie man will: Orff sind hier Urklänge und Urgeräusche gelungen, die dem grausigen Urschicksal des Dramas nahe kommen. Abermals kaum ein Singen, eher ein Sprechen und Schreien der gequälten Kreatur und der grimmigen Urmächte. - Unter hämisch brüllender Anleitung des Götterschmiedes Hephaistos schmieden dessen Gesellen Kratos und Bia (Symbole von Macht und Gewalt) Prometheus an einen Felsen, weil er gegen den Willen von Zeus den Menschen das Feuer gebracht hat. Erst als die Peiniger gegangen sind, entringt sich Zorn und Klage dem Munde des Gefessel en. Der Meeresgott Okeanos versucht diplomatisch, Prometheus zum Widerruf zu bewegen. Umsonst. Im Gegenteil möchte er die durch Zeus verführte, halbÂwahnsinnige Königstocher Io trösten, die von Hera in eine Halbkuh verwandelt ist und durch Wespen geplagt wird. Als aber der Götterbote Hermes naht und dem Gefesselten noch Schlimmeres androht, wenn er sich nicht dem Zeus unterwirft, da rast Prometheus so furchtbar gegen den Herrscher der Götter, daß er mitÂsamt dem Felsen in die Unterwelt geschleudert wird.
|